21/07/2026
**Wie Kevin Keegan mich zum HSV Fan machte**
Am 10. März 1979 war ich elf Jahre alt und mit einer Ferienfreizeit in Berlin. Organisiert wurde das Ganze von unserer Schule. Im Rahmen dieser Freizeit bekamen wir Karten für das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC und dem Hamburger SV.
Wir durften das Spiel mitten im Hertha Bereich sehen. Für einen elfjährigen Jungen war schon das Berliner Olympiastadion beeindruckend. Aber was dann auf dem Platz passierte, sollte bei mir etwas auslösen, das bis heute geblieben ist.
Der HSV gewann das Spiel mit 3:1. Kevin Keegan erzielte zwei Tore, eines bereits in der 13. Minute und das zweite kurz vor Schluss.
Ich kann heute nicht mehr jede einzelne Szene dieses Spiels genau beschreiben. Immerhin ist das inzwischen 47 Jahre her. Aber ich weiß noch, wie mich Kevin Keegan beeindruckt hat. Vor allem diese Leichtigkeit, mit der er spielte und ein Tor erzielte. Ich stand da mit offenem Mund und konnte kaum glauben, was ich gerade gesehen hatte.
Als ich nach Hause kam, sprach ich eigentlich nur noch über den HSV. Auch nach der Ferienfreizeit in der Schule gab es für mich kaum ein anderes Thema.
Dabei war es in meiner Heimat nicht unbedingt naheliegend, ausgerechnet HSV Fan zu werden. Ich bin in einem kleinen Dorf in Westfalen groß geworden, ungefähr 80 oder 90 Kilometer von Gelsenkirchen und Dortmund entfernt.
Um mich herum gab es viele Schalke Fans. Es gab auch den einen oder anderen Dortmund Fan und natürlich einen Bayern Fan. Meine Mutter war Gladbach Fan. Mein Vater fand Gladbach ebenfalls gut, sympathisierte aber auch mit Schalke.
Einen anderen HSV Fan kannte ich nicht. Weder in der Schule noch beim Fußball oder beim Handball. Ich war in unserem Dorf plötzlich so etwas wie ein kleines HSV Einhorn.
Aber mir war das völlig egal. Seit diesem Spiel in Berlin war der HSV mein Verein.
Von da an wollte ich möglichst viel über den HSV erfahren. Das war damals natürlich ganz anders als heute. Es gab kein Internet, keine sozialen Medien und keine Möglichkeit, jeden Tag irgendwelche Videos oder Neuigkeiten aus Hamburg zu sehen.
Die Sportschau gehörte bei uns zum festen Programm. Die war genauso Pflicht wie Raumschiff Enterprise. Wenn ich lange genug aufbleiben durfte und mein Vater nicht etwas anderes sehen wollte, konnte ich manchmal auch noch das aktuelle Sportstudio schauen.
Den Kicker kannte ich damals schon, weil mein Vater ihn sich gelegentlich kaufte. Mit elf Jahren habe ich aber eher ein wenig darin herumgeblättert. Ich war noch nicht derjenige, der jeden Bericht und jede Statistik gelesen hat.
Das kam später.
Ich half damals bei einem Bauern in unserem Dorf aus und verdiente mir damit etwas Taschengeld. Von diesem Geld kaufte ich mir dann regelmäßig den Kicker. Damals erschien er montags und donnerstags. Alles, was ich über den HSV finden konnte, habe ich gelesen.
Ich wollte wissen, was Kevin Keegan, Manni Kaltz, Felix Magath, Horst Hrubesch und die anderen machten. Ich las die Spielberichte, schaute mir die Aufstellungen an und wartete auf jedes Bild, das irgendwo im Fernsehen vom HSV gezeigt wurde.
Live sehen konnte ich meinen Verein lange Zeit nicht mehr. Hamburg war weit weg und wir konnten es uns schlicht nicht leisten, für Fußballspiele durch Deutschland zu reisen.
Erst acht Jahre später sah ich den HSV zum zweiten Mal im Stadion. Und wieder war es in Berlin.
Am 20. Juni 1987 spielte der HSV im Pokalfinale gegen die Stuttgarter Kickers. Auch dieses Spiel konnte ich im Rahmen eines Ausflugs besuchen.
Die Kickers gingen früh in Führung, Dietmar Beiersdorfer glich kurz danach aus. Kurz vor Schluss erzielte Manni Kaltz das 2:1. Ein Eigentor sorgte schließlich für den 3:1 Endstand.
Acht Jahre nachdem Kevin Keegan mich im Berliner Olympiastadion zum HSV Fan gemacht hatte, sah ich an gleicher Stelle den HSV den DFB Pokal gewinnen.
Danach nahm ich mir vor, meinen Verein häufiger live zu sehen. Als ich mein eigenes Geld verdiente, wurde das schließlich auch möglich.
Ich weiß heute gar nicht mehr, wie viele Spiele des HSV ich seitdem gesehen habe. Ich war beim verrückten 4:4 gegen Juventus Turin dabei. Ich sah Rafael van der Vaart gegen Bayern das 1:0 erzielen. In Stuttgart erlebte ich die ersten beiden HSV Tore von Ruud van Nistelrooy.
Es waren viele besondere Spiele dabei. Große Siege, bittere Niederlagen und Abende, die ich ebenfalls nie vergessen werde.
Aber wenn ich darüber nachdenke, welches Spiel für mich das wichtigste war, komme ich immer wieder auf den 10. März 1979 zurück.
Damals saß ein elfjähriger Junge aus einem kleinen Dorf in Westfalen mitten unter den Hertha Fans und sah Kevin Keegan zwei Tore schießen.
Bei allen späteren Spielen war ich bereits HSV Fan. An diesem Nachmittag wurde ich es.
Danke, Kevin.
Ohne dich wäre ich vielleicht Gladbach Fan geworden. Oder noch schlimmer: Ich wäre niemals HSV Fan geworden.