14/10/2024
Von der Endlichkeit des Lebens
Es gehört zum Schlimmsten, was man sich vorstellen kann, wenn man nichts ahnend bei seiner Mutter anruft, um dort mitgeteilt zu bekommen, dass man sie leblos aufgefunden hat.
Man informiert seine nächsten Angehörigen, teilt im Geschäft mit, was passiert ist, und schleppt sich dann noch ungläubig zum Ort des anfangs noch unwirklichen Geschehens.
Dort sehe ich meine Mutter, die wie schlafend wirkt in ihrem Bett, an das sie über dreieinhalb Jahre gefesselt war.
Dies lässt den Tod tröstlich erscheinen, macht ihn aber keinen Deut weniger schmerzvoll.
Es kommen die Freunde und Bekannten, die sie die letzten drei Jahre begleitet haben, aber man steht immer noch neben sich.
Nach der Hausärztin kommt das Bestattungsinstitut und verpackt meine Muttern in einen schwarzen Plastiksack, um sie abzutransportieren. Ich befinde mich im Nichts.
Anschließend sehe ich aus dem Küchenfenster die ersten Kinder auf dem Nachhauseweg von der Schule.
Nichts scheint sich verändert zu haben für meine Umgebung, für mich selbst aber alles. Die Zeit scheint in diesem Moment für mich stillzustehen und verdichtet sich auf diesen Moment, den ich schon so häufig befürchtet habe.
Von nun an fühle ich mich die nächsten Tage wie ein angeschlagener Boxer, der nur noch durch sein Leben taumelt.
Aber dieser nicht endenwollende Schmerz schärft auch die Sinne.
Ich denke an Senecas Schreiben an Paulinus, in dem er das zentrale Problem des Menschen in der Postmoderne schon vor fast zweitausend Jahren erfasste: "Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen."
Und noch etwas deutlicher in meinen eigenen Worten:
Der Tod ist die radikalste Bejahung des Lebens - zumindest sollte es dies für uns sein, die wir weiter leben.
Achten wir also künftig mehr auf uns selbst, ernähren uns besser, nehmen zumindest etwas weniger alkoholische Getränke zu uns, gönnen uns mehr Ruhe, wenn wir sie brauchen, und verschwenden keine Zeit für irgendwelchen Blödsinn.
Und eines zum Schluss: Der richtige Zeitpunkt, dem anderen zu verzeihen, ist jetzt!
Und so verbleibe ich nun in großer Dankbarkeit und Liebe bei meiner Mutter, der ich alles zu verdanken habe, was ich heute bin.
Ich will in ihrem Namen allen danken, die heute ihr zu Ehren zu ihrer Trauerfeier gekommen sind und möchte euch herzlich einladen, ihr Leben nun in der Hofwiesengaststätte zu feiern. Das hätte sie sich von ganzem Herzen gewünscht!