22/07/2024
Schwierige Nachfolgelösungen im Mittelstand durch hohe Unsicherheiten
Der DIHK Nachfolgereport 2024 ist da und stellt fest:
Eine Unternehmensübertragung ist ein betriebswirtschaftlicher und rechtlicher komplexer Prozess. Hinzu kommt, dass die Unternehmensnachfolge auch eine starke emotionale Komponente hat. Nachfolge bedeutet oftmals Abschied nehmen von einem Lebenswerk. Gleichzeitig müssen sich die Unternehmerinnen und Unternehmer bei der sorgfältigen Nachfolgeplanung auch mit vielen unangenehmen Fragen befassen – wie Krankheit, Unfall oder Tod.
Das unternehmerische Umfeld derzeit von großen betriebswirtschaftlichen Herausforderungen geprägt: Transformation, Digitalisierung, Fachkräftemangel, demographische Entwicklung, hohe Energiekosten und Zinsen, erhöhte Preise, zunehmende Regulierung und Bürokratie. Die in der Summe erheblich gestiegenen Unsicherheiten machen es Seniorunternehmern wie auch Übernahmeinteressierten schwer, künftige Markt- und Geschäftsentwicklungen und damit auch den Wert des Unternehmens und seine Geschäftsperspektive einzuschätzen.
Die Frage: „wieviel ist mein Unternehmen wert?“ ist allerdings eine zentrale Herausforderung für jeden Senior-Unternehmer. Bei dieser Einschätzung sollte man sich nicht scheuen, einen branchenerfahrenen Bewertungsexperten zu Rate zu ziehen.
Immerhin scheint es gar nicht sooo schlecht zu laufen: 73 Prozent wollen bzw. müssen aus Altersgründen abgeben. Nur 12% nennen wirtschaftliche Gründe.
Unter den persönlichen Gründen werden insbesondere folgende Aspekte genannt:
Krankheit und Todesfälle, starke Belastungen im unternehmerischen Alltag, fehlende Fachkräfte sowie Änderungen im persönlichen oder familiären Umfeld, die Weichenstellung in einen neuen Lebensabschnitt, aber auch Differenzen bis hin zu Streitigkeiten im Gesellschafter- oder Familienkreis.
Der Anteil der angestrebten Nachfolge innerhalb der Familie ist in den vergangenen drei Jahren jedoch deutlich gesunken – von 41 auf 33 Prozent. Auf der anderen Seite plant die Hälfte der Senior-Unternehmer, das Unternehmen an Externe zu verkaufen; auch hierbei ist ein Bewertungsgutachten durch einen Experten unabdingbar als Verhandlungsargumentation für Banken und Käufer.
Dass 28 Prozent der Unternehmen die Schließung erwägen, sollte für die Politik ein Alarmsignal sein. Wenn dabei Unternehmen vom Markt verschwinden, dann kann das auch negative Auswirkungen auf Zulieferstrukturen im Mittelstand haben.
Der Mangel an Fachkräften führt zudem dazu, dass gut qualifizierte Personen immer lukrativere Angebote für abhängige Beschäftigungsverhältnisse erhalten. Potenzielle Nachfolgekandidaten entscheiden sich immer damit auch immer häufiger gegen das Unternehmerrisiko.
Fast 40% der Übernahmeinteressierten berichten von Finanzierungsproblemen. Daher verengt das noch immer hohe Zinsniveau die für die Finanzierung der Unternehmensnachfolge relevanten Finanzierungskanäle. Spürbar gewachsene Zinserträge bei Investments in sicheren Anlagen machen viele Engagements in Startup-Projekten oder Unternehmensnachfolgen zudem weniger attraktiv. Das ist erst mal eine bittere Pille für den Unternehmer, der ggf. mit einem Kredit im Risiko verbhaftet bleiben soll.
Die Erkenntnisse aus über 8.000 IHK Kontakten mit Unternehmern lassen sich teilweise als Zwischenstand wie folgt zusammenfassen:
• 48 Prozent der Senior-Unternehmer finden die passende Nachfolge nicht. Auf der anderen Seite geben 36 Prozent der Nachfolgeinteressierten an, noch kein passendes Unternehmen im Blick zu haben. Das Verhältnis von Anbietern und Interessenten liegt bei 3:1. Das macht eine Übergabe zu einem fairen Preis für die Senior Unternehmer zu einem Verhandlungspoker, der extern begleitet werden sollte, zumal die Recherche nach Interessenten einen erheblichen Zusatzaufwand im Tagesgeschäft bedeutet und die Expertise für die Herangehensweise dieses oft einmaligen Vorgangs fehlt.
• 37 Prozent der Alt-Inhaber fordern einen überhöhten Kaufpreis – die sogenannte „Herzblutrendite“. 29 Prozent fällt es schwer, von ihrem Unternehmen emotional loszulassen. Die jahrelangen Entbehrungen der Aufbauphase rechnen viele in den Kaufpreis mit ein.
• 41 Prozent der Alt-Inhaber haben sich nicht rechtzeitig auf die Unternehmensnachfolge vorbereitet. Viele schieben die emotional herausfordernde Materie auf die „lange Bank“. Mehr als drei Viertel der Abgabewilligen wenden sich maximal zwei Jahre vor der geplanten Übergabe an einen externen Akteur – das ist zu spät, um die Nachfolge ohne unnötigen Druck zu regeln.
Viele Unternehmer zögern auch deshalb mit der Einholung externer Expertise, weil sie sich Wettbewerbern gegenüber nicht als Nachfolge-Suchende zu erkennen geben wollen. Eine anonyme Recherche durch einen Dritten ist tatsächlich mehr als sinnvoll, will man Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten nicht verunsichern.
• Oft ist das Herunterfahren von Investitionen in den letzten Jahren vor einer Übergabe zu beobachten und Innovations- und Digitalisierungserfordernisse werden nicht (mehr) aktiv angegangen, was die Attraktivität des Betriebes für potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger senkt.
• Gerade bei kleineren Unternehmen geht häufig „Inhaberwissen“ mit dem Wechsel verloren – ganz abgesehen von „change of control Klauseln“ mit den Kunden. Dies mindert die Verkaufschancen und den Wert des Unternehmens.
Es gibt jedoch mit Beraterverträgen, earn-out Vereinbarungen u.ä. Möglichkeiten diesem Wertverlust zu begegnen.
• Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches – bei den Nachfolgeinteressierten – unterschätzen 29 Prozent die Anforderungen an die Übernahme eines bestehenden Betriebes und gehen zu sehr von einer „Gründung im gemachten Nest, mit vorhanden Kunden- und Lieferantenstrukturen aus.
• Auch die zu erwartenden Belastungen mit Erbschaftsteuer stellen eine Hürde dar. Zwölf Prozent der Senior-Unternehmer sowie neun Prozent der Nachfolgeinteressenten nennen dieses Hemmnis, das jedoch ebenfalls beherrschbar ist.
PRAXIS-Check:
Heute habe ich für einen Mandanten seit langer Zeit auch mal wieder in die IHK Börse verschiedener Regionen in NRW hereingeschaut und muss leider sagen, dass ich recht enttäuscht war. Mit der Eingabe „metallverarbeitendes Unternehmen“ oder „Maschinenbau“ habe ich ganze 2 passende Interessenten neueren Datums gefunden. Da sind andere Quellen durchaus vielversprechender.
noch ein paar Grafiken auf Linked In: